Wörter auf der Meile, Gedichte in der Zeile
Habt ihr schon einmal darauf geachtet, wie viele Schriftzüge oder Wörter draußen auf der Grünau-Meile neben unserer Schule zu finden sind? Nein? Ich auch nicht, bis unser Deutsch-LK der Klasse 12 am 18.08.2026, bewaffnet mit Stift und Papier, loszog, Schaufenster untersuchte, Werbeplakate las und das Graffiti genauestens unter die Lupe nahm. Der Grund dafür war Klara Charlotte Zeitz, eine Autorin und Künstlerin aus Leipzig. Sie veranstaltete mit uns, zum Einstieg in unser letztes Schuljahr, eine Schreibwerkstatt, in welcher wir Gedichte lasen und verfassten und zum Schluss sogar eine Collage zu unserem eigenen Gedicht bastelten. Damit wir eine kleine Stütze hatten und nicht planlos umherirrten, gingen wir nach draußen und suchten Wörter, welche wir in unser Gedicht einbinden konnten.
Bei dem Wort „Gedicht“ wird oft an Goethe und Schiller gedacht, alte Autoren aus vergangenen Epochen, welche in jeden Vers einen Reim einbinden. Allerdings ging es bei uns um Gegenwartslyrik. Vielleicht habt ihr auf Social Media schon einmal ein kleines Gedicht gelesen oder angehört, hinterlegt mit Musik oder Bildern. Oder ihr wart schon mal bei einem Poetry Slam. Dies sind nämlich mit die häufigsten Veröffentlichungsorte von Autoren von Gegenwartslyrik. Häufig geht es in dieser um politische Themen oder sehr persönliche Gedanken und Emotionen. Sie hilft vielen also bei der Darstellung unserer sehr komplexen, aktuellen Welt.
Weniger komplex ist allerdings der Aufbau der Gegenwartslyrik. Diese folgt keinen strikten Mustern, ist relativ kurz und oft sogar reimlos, ohne festes Versmaß. Trotzdem, erklärt der Experte Felix Schiller in einem Podcast auf Deutschlandfunk Kultur, dass diese Art der Poesie geradezu „boomt“ in unserer Gesellschaft. Kleinere Gedichte sind immer mehr auf Tischen in Cafés zu finden, auf Festivals oder anderswo an öffentlichen Plätzen. Diese neue Kunstform schafft es, die Menschen zu verbinden und zu vernetzen.
Besonders interessant fand ich den Vorgang des eigenen kreativen Entwickelns, welcher im klassischen Unterricht vielleicht doch manchmal zu kurz kommt. Es hilft, eigene tiefsitzende Gefühle besser auszudrücken und sich selbst zu reflektieren. Das berichtet auch Kea Tempest in einem Interview. Er ist ein bekannter Autor und Rapper, wurde aber als Frau geboren. In seinen Songs und lyrischen Texten geht es vor allem um seine Transformation und persönliche Gefühle und Erfahrungen.
Dass geschriebene Gedichte sehr persönlich sein können, haben wir im Unterricht auch gemerkt. Nicht jeder wollte sein Geschriebenes vorlesen, da es zum Teil auch unangenehm war, einfach seine Gefühle mit dem ganzen Kurs zu teilen. Trotzdem haben wir probiert, uns darauf einzulassen, und gemerkt, wie sehr uns bestimmte Gefühle und Ideen doch verbinden. Nun wollen wir sogar als Kurs gemeinsam einen Poetry Slam besuchen.
Die Autorin Franziska Holzheimer berichtet in ihrem Artikel „Warum Poetry Slams besser sind als ihr Ruf“ auf vice.com von dem Vorurteil gegenüber Poetry Slams, dass Autoren nur vorlesen würden, um ihr Selbstdarstellungsbedürfnis zu befriedigen. Doch das stimmt nicht. Viele Autoren haben Talent beim Schreiben, verdienen damit sogar ihr Geld und erlangen Bekanntheit. Außerdem erklärt sie, dass Poetry Slams und die Autoren Teil einer kulturellen Bewegung seien, in der sie ihre Meinung teilen. Sie betont: Wenn es einem nicht gefalle, könne man ja teilnehmen und es selbst besser machen. Heutzutage kann jeder Poesie schreiben oder verstehen. Früher allerdings war Lyrik ein Teil der Elite, sie war den Gebildeten gewidmet. Nun müsse man sich nur darauf einlassen.
Ich kann jedem nur empfehlen, einmal an so einer Art von Workshop teilzunehmen oder sich aktiv Zeit zum Schreiben eines eigenen kleinen Gedichtes zu nehmen. Er hat uns gezeigt, wie vielfältig Sprache sein kann, wie viel Ausdruck hinter jedem noch so kurzen Wort steckt, und bei dem ein oder anderen ein verstecktes Talent zum Vorschein gebracht.
Ein Kommentar von Helena K.










noch ein weiterer gelungener Kommentar:
Angst vor dem Neuen, obwohl es einfacher klingt?
Es gab eine Zeit – und diese liegt noch gar nicht so lange zurück –, da war das Wort „Gedicht“ im schulischen Kontext der garantierte Todesstoß für jede aufkeimende Begeisterung. Man saß im Klassenzimmer, starrte auf veraltete Reime aus dem 18. Jahrhundert und fragte sich ernsthaft, warum der Dichter uns quälen wollte. Jeder von uns kennt die endlose Suche nach dem Reimschema, die gefühlt nie endete.
Als jedoch die Künstlerin und Autorin Klara Charlotte Zeitz nach vielen Jahren, zehn Jahre davon verbrachte sie übrigens in Italien, an ihren Kindheitsort Grünau zurückkehrte, erlebte der 12er-Deutsch-Leistungskurs der Georg-Christoph-Lichtenberg-Schule eine ganz neue Wahrnehmung von Gedichten.
Der Kurs merkte ganz schnell, dass in der Gegenwartslyrik alles anders ist. Ein reimloses Gedicht, gibt es das wirklich? Genau das ist es, was die moderne Dichtkunst von den staubigen Klassikern im Schulbuch unterscheidet. Gegenwartslyrik verweigert sich beharrlich veralteten Schemata. Es gibt keinen Zwang zum Reim, kein starres Metrum und schon gar keine verstaubte Sprache. Stattdessen begegnen uns Alltags- und Jugendsprache, Textcollagen, visuelle Poesie und freie Rhythmen. Die neuen Gedichte rufen auf zum Aktivismus, setzen Zeichen zum Thema Politik. Man könnte meinen, sie seien nah an der Realität. Ist nicht gerade das das Wichtige für die Jugend heutzutage? Diese Art von Poesie wird an einfach zugänglichen Orten veröffentlicht. Klar, man rechnet auf Instagram nicht mit Poesie, doch genau da finden die Menschen sie – ein bisschen wie in dem Lied “We found love [in a hopeless place]“ von Rihanna.
In der Schreibwerkstatt mit Klara Charlotte Zeitz konnte der Deutsch-Leistungskurs seiner kreativen Seele freien Lauf lassen und das machen wir alle, um ehrlich zu sein, viel zu selten. Wir müssen uns selbst mehr Zeit und Raum genau dafür geben, für den Ausdruck von Emotionen. Schnell merkte auch der Kurs, dass dies mit Poesie echt einfach geht. Einfach ein Gedicht umschreiben, ohne Reimschema, einfach aus den eigenen Gefühlen. Genau solche Schreibübungen sind nützlich – nicht nur für die persönliche Reflexion, sondern auch dafür, dass man seine kreative Seite nicht verliert. Wann hat man sonst im Deutsch Unterricht die Möglichkeit, mal so richtig kreativ zu sein?! Leider kommt das viel zu selten vor.
Genau darin liegt die eigentliche Stärke der Gegenwartslyrik. Der Vorwurf, moderne Lyrik sei belanglos oder besitze nicht mehr die Tiefe eines Goethe oder Schiller, greift schlichtweg zu kurz. Zum einen bietet die Nahbarkeit der Texte eine gigantische Chance, denn Gegenwartslyrik holt die Menschen genau da ab, wo sie emotional stehen, anstatt uneinnehmbare Hürden aufzubauen. Ein Text, der verstanden und gefühlt wird, erreicht um ein Vielfaches mehr als eine hochgestochene Metapher, die man erst mit Studium verstehen kann. Zum anderen fördert das eigene Schreiben, wie wir es in der Werkstatt erlebt haben, nicht nur die Sprachfähigkeit, sondern dient als persönliches Sprachrohr. Es schult die Kreativität, belohnt den Mut zur Lücke und verhilft zur Entwicklung einer eigenen, unverwechselbaren Stimme. Durch soziale Medien und Spoken-Word-Bühnen entsteht zudem ein direkter, lebendiger Austausch zwischen Autorenschaft und Publikum – das Gedicht wandelt sich vom toten Buchprodukt zum dynamischen Dialog.
Poetry Slam als “Einstiegsdroge” zur Poesie, so zumindest beschreibt es die Slammerin Yrsa Daley-Ward in einem Interview. Für viele ist Poetry Slam etwas ganz Neues und Unheimliches, dabei gibt es diese Kunstform schon seit 1984. Fragt man Slammer und Slammerinnen nach ihrem Beruf, antworten diese meist mit Nebenjobs wie Kellner oder Babysitten. Das hat den einfachen Grund, dass der Poetry Slam häufig noch mit Vorurteilen zu kämpfen hat. Dabei ist Poetry Slam mehr als nur Lyrik, Slammer und Slammerinnen verarbeiten damit persönlich Erlebnisse. Zudem bringen sie auch aktuelle politische Themen schneller in die Gesellschaft, als es verstaubte Lyrik je könnte.
Sicherlich gibt es auch Kehrseiten dieser Entwicklung. Wer die Hürden komplett abbaut, riskiert zwangsläufig, dass so manche Instagram-Poesie eher wie ein abgedroschener Kalenderspruch mit Zeilenumbruch wirkt als wie tiefgründige Poesie.
Doch das entscheidende Kriterium bleibt bestehen: Berührt uns der Text oder lässt er uns kalt? Es ist deshalb höchste Zeit, die alten Vorurteile endgültig einzumotten. Lyrik braucht weder den staubigen Hörsaal noch den erhobenen Zeigefinger. Sie braucht Raum, Zeit und Zuhörer, die bereit sind, sich auf die Sprache einzulassen. Egal ob Poetry Slam, Insta-Poetry oder klassisch gedruckter Gedichtband: Geben wir der Gegenwartslyrik eine ehrliche Chance. Lesen wir sie, hören wir sie und greifen wir vor allem selbst zum Stift, denn Sprache gehört schlussendlich nicht den Grammatikbüchern, sondern uns.
Ein Kommentar von Celine H.
